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Material-Talk: So will die ITTF gegen Tuning vorgehen!

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Nachdem wir uns ausführlich mit Claudia Herweg und Dr. Torsten Küneth über die geplanten bunten Beläge und den Plastikball unterhalten haben, kommen wir in unserem Material-Talk zu einem noch heikleren Thema: dem Tuning. Timo Boll hat bereits vor drei Jahren gefordert, dass mehr dagegen unternommen werden muss. Wir fragen die beiden Mitglieder des ITTF-Materialkomitees, was seitdem passiert ist und was bis Tokio 2020 passieren soll.

myTischtennis.deWir haben im ersten Teil unseres Gesprächs viel über neue Pläne geredet, jetzt möchte ich noch auf ein altes Problem zu sprechen kommen, das auch Timo Boll vor drei Jahren öffentlich angeprangert hat: das Tuning von Belägen. Was steht da im Rahmen der WM auf der Agenda?

Claudia Herweg: Es soll ein neues Prüfverfahren zur Bestimmung der Dicke der Beläge eingeführt werden. Für den Spitzenbereich ist in der zweiten Jahreshälfte eine Pilotphase geplant, in der wir die Belagdicke nicht mehr am kompletten Schläger messen. Stattdessen werden wir, nachdem der Spieler aus dem Turnier ausgeschieden ist, den Belag lösen und seine Dicke mit einer relativ simplen Messtechnik ermitteln. Warum wir das machen? Die Spieleigenschaften von Belägen hängen im Profibereich stark von der Dicke ab. Je dicker der Belag ist, desto mehr Energie kann er speichern und wieder abgeben. Unser Grenzwert liegt aktuell bei 4,0 mm, damit das Spiel nicht zu schnell wird. Ich halte eine Begrenzung auch für sinnvoll, allerdings gibt unsere Messtechnik aktuell nicht her, dass wir hundertprozentig korrekt messen. Es gibt Möglichkeiten, den Schläger so zu präparieren, dass unsere Messungen nicht stimmen. Am Sonntag wird final entschieden, ob diese Pilotphase im zweiten Halbjahr umgesetzt wird. Es würde bei drei internationalen Turnieren getestet, die vorher benannt werden, und die Spieler hätten keine Sanktionen zu fürchten, wenn ihre Beläge dicker als 4,0 mm sind. Die Pilotphase dient nur dazu, zu lernen und die Prozedur zu überprüfen.

myTischtennis.deUnd so soll auch herausgefunden werden, ob Timo Bolls Schätzung aus dem Jahr 2016, dass 80 % der Spieler ihre Beläge nachbehandeln, stimmt?

Claudia Herweg: Die Dickenmessung führt nicht direkt dazu, dass man auf eine Nachbehandlung schließen kann. Mit der Dickenmessung reduziert man die Möglichkeiten, dass der Spieler mit seinem Belag noch etwas macht. Denn Boostern führt dazu, dass der Belag dicker wird. Das heißt, wenn wir die Dicke auf 4,0 mm begrenzen und künftig auch exakt messen können, reduzieren wir die Möglichkeiten für die Spieler, ihre Beläge nachzubehandeln. Die Dickenmessung ist der erste Schritt. Als zweiten Schritt schauen wir uns in Dortmund aktuell eine neue Prüfmethode an, mit der man eventuell bessere Aussagen darüber treffen kann, was nachbehandelt wurde und was nicht.

myTischtennis.deAlso könnte man, wenn man jetzt einen Belag findet, der 4,2 mm dick ist, nicht unbedingt davon ausgehen, dass dieser geboostert wurde?

Claudia Herweg: Die Hersteller achten schon sehr darauf, dass die Beläge unterhalb von 4 mm sind. Wenn ein Profi einen Belag mit 4,2 mm Dicke hat, dann ist das zumindest einmal komisch.

Torsten Küneth: Wir wollen jetzt erst einmal sehen, was wir für Daten bekommen. Daten sind immer besser als nur zu spekulieren. Diese Pilotphase ist der Mittelweg zwischen den zwei extremen Positionen. Auf der einen Seite stehen Spieler wie Timo, die sagen: Das geht alles zu langsam, ihr müsst das Thema stärker verfolgen. Und auf der anderen Seite sind Spieler, die nicht wollen, dass man ihren Belag anfasst. Und diese Pilotphase ist ein erster Schritt, dieses Thema einmal anzugehen.

Claudia Herweg: Unser Ziel ist auch, dass die Hersteller so gute Beläge liefern, dass die Spieler sie nicht nachbehandeln müssen. Aus meiner Sicht ist dies heute schon der Fall. Die Qualität der Beläge muss in der Hand der Hersteller liegen und nicht in der Hand des Spielers. 

myTischtennis.deSie, Frau Herweg, waren als ehemalige Geschäftsführerin und Mitbesitzerin der Firma ESN ja ganz nah dran an den Belägen und den Spielern mit ihren Wünschen. Wie beurteilen Sie das Problem Tuning im internationalen Tischtennis? Sind es 80 %, die nachbehandeln, wie Timo Boll sagt?

Claudia Herweg: Ein großer Teil der Spieler tut das. Wenn ein Sportler eine Sportart mit Material betreibt, wie Skifahren, Tennis oder ähnliches, wird er versuchen, sein Material zu optimieren. Und das geht natürlich immer auch an die Grenze des Legalen. Das ist bei Leistungssportlern, glaube ich, einfach ganz normal. Unser Job muss es sein, diese Entwicklungen immer wieder abzufangen und zu prüfen, ob etwas gefährlich ist, die Fairness unter den Spielern beeinträchtigt oder gegen die Regeln verstößt. Chemische Substanzen gehören auf jeden Fall nicht in die Hände der Spieler, sondern der Hersteller.

myTischtennis.deDass Timo Boll auf Tuning aufmerksam gemacht hat, ist nun schon drei Jahre her. Seitdem hat man zumindest in der Öffentlichkeit wenig von ergriffenen Maßnahmen gehört. Warum fällt es der ITTF offenbar so schwer, hier was zu unternehmen, obwohl, wenn Boll Recht hat, sich bei jedem Turnier Spieler gegen die Regeln einen Vorteil verschaffen?

Torsten Küneth: Weil es relativ komplex und teuer ist. Nach der WM 2016 bin ich mit Professor Motschmann von der Uni Regensburg in Kontakt getreten, der den Vorschlag der Rheometrie ins Gespräch gebracht hat. Und das hat dann seine sechs Monate gedauert, bis klar war: Für dieses Verfahren bräuchte man ein hochkomplexes 100.000-Dollar-Equipment, das nur von geschultem Personal bedient werden kann und bei jedem Transport von Halle zu Halle zerlegt, wieder zusammengebaut und neu kalibriert werden muss. Das könnte man also niemals außerhalb der absoluten Topturniere einsetzen. Zudem würde es eine deutliche Einschränkung der zulässigen Schwämme erfordern. Diese Argumente haben Ende 2017 zu der Entscheidung des Exekutivkomitees geführt, dass dieser Weg vorerst nicht weiterverfolgt wird und man zunächst einmal versucht, durchzubekommen, dass man den Belag vom Schläger nehmen darf, um ihn mit den konventionellen Messgeräten zu untersuchen, die wir sowieso bei jeder großen Veranstaltung haben. Und dann ging es in der Folge darum, unter 200 Verbänden eine Mehrheit für diese Idee zu bekommen.

Claudia Herweg: Hinzu kommt, dass Beläge äußerst komplexe Hightechprodukte sind. Selbst bei Messmethoden wie der von Herrn Professor Motschmann ist es schwierig, herauszufinden, was nachbehandelt wurde und was ein zugelassener Belag ist. Der Grad ist sehr schmal. Aber wir arbeiten daran.

myTischtennis.deWas ist dann jetzt das Ziel der ITTF, bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio erreicht zu haben? Will man das Problem bereits im Griff haben oder ist das unrealistisch?

Claudia Herweg: Nein, dies ist kein Problem, dass man so schnell in den Griff bekommen könnte. Das Projekt hat aber höchste Priorität und wir arbeiten intensiv daran.

Torsten Küneth: Denkbar ist natürlich vieles, um dieser Ungerechtigkeit entgegenzuwirken. Das Standardbeispiel sind da die Einheitsschläger, die vor dem Spiel ausgegeben werden. Aber dann haben wir kein Tischtennis mehr. Wir wollen auch keinen ‚Polizeistaat’ aufbauen und unsere Spieler jagen. Darum geht es nicht. Wir wollen Fairplay, wo es möglich ist, unterstützen, aber damit nicht den Sport kaputtmachen. 

Claudia Herweg: Gleichzeitig müssen wir gewährleisten, dass die Spieler ihre beste Performance abliefern können. Die Präsentation unserer Topspieler ist unglaublich wichtig für uns. Also, wenn die Spieler ihr bestes Tischtennis zeigen können, weil sie mit ihrem Material zufrieden sind, dann gewinnen wir alle. 

myTischtennis.deEs stand ja auch schon einmal im Raum, Tuning einfach zu erlauben. Ist das noch immer eine Option? Schließlich ist es nicht gesundheitsgefährdend…

Torsten Küneth: Im Vorfeld der WM 2018 gab es einen Antrag, das allgemeine Verbot der Nachbehandlung erheblich zu lockern. Der wurde aber noch vor Abstimmung wieder zurückgezogen, weil eigentlich praktisch jeder dagegen war. Das war für uns ein wichtiger Hinweis, dass wir mit unserer Grundidee auf der richtigen Seite sind.

Claudia Herweg: Wenn man das Boostern erlaubt, erlaubt man nicht nur Boostern, sondern jegliche Nachbehandlung von Belägen. Und das führt ja dazu, dass Spieler auch wieder Dinge benutzen, die gesundheitsschädlich sind. Wir als ITTF haben die Verantwortung, dass der Sport gesundheitlich unbedenklich ist. Wenn wir das freigeben, geben wir jede Kontrolle aus den Händen. Und das wäre ein großer Rückschritt.

myTischtennis.deDas heißt, diese Option steht nicht mehr zur Diskussion?

Claudia Herweg: Sie ist noch nicht ganz vom Tisch. Aber das Exekutivkomitee hat uns alle Zeit gegeben, um die nächsten Schritte gegen die Nachbehandlung zu machen. Das betrifft natürlich auch die Nachbehandlung von Noppen-Außen-Belägen. Auch da werden wir zeitnah Messmethoden und Tests entwickeln.

myTischtennis.deWir haben jetzt viel darüber geredet, was in der obersten Spitze des Sports passieren kann. Aber wie hoch ist die Chance, dass man am Ende eine Regelung findet, die auch den Verbandsligaspieler in Deutschland betrifft? Es kann ja nicht jeder Verein ein teures Messgerät haben…

Claudia Herweg: Das Messgerät für die Dickenmessung kostet etwa 250 Euro und kann von jedem Spieler oder Schiedsrichter problemlos genutzt werden. 

Torsten Küneth: Das wird ja auch bis zur 3. Liga mit jedem Schläger vor dem Spiel getan. Klar, das sind jetzt noch keine Kreisligaspieler, aber prinzipiell kann der DTTB schon jetzt stichprobenartige Tests bis runter in die Oberliga anordnen. Mir ist es wichtig, dass wir ein Verfahren finden, dass für möglichst viele Ebenen anwendbar ist. 

Claudia Herweg: Aber wir haben halt noch kein Mittel, das Boostern einwandfrei festzustellen. Dafür brauchen wir noch Zeit. Die Dickenmessung grenzt das Ganze ein, aber mehr kann man im Moment nicht machen. Aber den Spielern im Markt kann ich nur empfehlen, sich einmal dieses riesige Angebot an Belägen anzuschauen. Wenn ich das vergleiche mit dem, als ich jung war, da gab es letztlich nur ein Produkt, dessen Eigenschaften man mit dem Frischkleben variiert hat. Ich kann nur jedem Team empfehlen, sich mal einen Testkoffer zuschicken zu lassen und herauszufinden, welcher der optimale Belag für den einzelnen Spieler ist. Für uns Tischtennisspieler gibt es so viele Möglichkeiten, da braucht man keinen Booster!

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